Mach mehr Sport. Du hast es wahrscheinlich schon gehört oder vielleicht sogar selbst gesagt, aber bevor wir uns diesem „Tipp“ widmen, sollten wir ein paar andere Dinge klären:

Wir leben in einer Zeit und Kultur des ungestörten Stillstands – einer Bewegungs-Dürre, wenn man so will. Es ist also an der Zeit, die Symptome dieses Bewegungs-Mangels zu erkennen.

Erinnerst Du Dich an diese Biologie-Stunde in der Schule, als Dir Skorbut erklärt wurde? Allein der Gedanke daran, dass diese armen Seeleute nur aufgrund des Mangels eines einzigen Nährstoffs ihre Zähne verloren und danach starben, faszinierte mich. Da ich selbst aus einer Umgebung komme, in der viel über Nährstoffe und Vitamine bekannt ist, kann ich es mir schwer vorstellen, dass man das früher nicht wusste: Dass im Essen Stoffe sind, die Dein Körper einfach braucht!

Früher war der beste Ernährungstipp, den man den Seeleuten auf den Weg gab: „Verhungere nicht!“ Jahrtausendealte Weisheiten über Ernährung und Gesundheit, Weisheiten aus der Wiege der Menschheit selbst, gingen nach der Sesshaftwerdung des Menschen verloren. Und es dauerte bis vor ein paar hundert Jahren, bis zumindest ein paar dieser Weisheiten wiederentdeckt wurden und sich so die Ernährungswissenschaft entwickeln konnte:

Bis wieder bekannt wurde, welche Nahrungsmittel der Körper wirklich braucht, und welche ihn nur belasten.

Die Wissenschaft hat uns geholfen, Lebensmittel wieder in Kategorien einzuordnen, da verschiedene Lebensmittel verschiedene Effekte im Körper entfalten, und unterschiedliche Makro- und Mikronährstoffe enthalten. Jahr für Jahr lernen wir mehr darüber, wie Nahrung unsere Zellen beeinflusst, in einem immer schnelleren Tempo.

Was mich zurück zu „Mach mehr Sport!“ bringt.

Nicht nur fehlt es an Quantität, was Bewegung angeht; unsere Vorfahren aus der Steinzeit und selbst unsere Vorfahren von vor 1000 Jahren stechen uns in Varianz und Vielfalt, also Qualität, aus – um Längen.

Stelle Dir einmal vor, wieviel Arbeit nötig ist, um Nahrung anzubauen, zu ernten und zu verarbeiten. Wie viele Schritte, wieviel Schweiß und Blut nötig sind, um vom Samen bis zum späteren Nahrungsmittel alles selbst zu tun:

Sammle Material, um Dir Werkzeuge und Waffen herzustellen, um Tiere jagen zu gehen;

Trage sie zurück zum Lager, nimm sie aus, bereite sie zu;

bereite aus ihren Knochen Werkzeuge, aus ihrem Fell Kleidung – all das zusammengenommen stellt eine Vielfalt an Bewegungen und Arbeitsschritten dar, die für uns heute unvorstellbar ist. Es dauerte Tausende von Jahren, um diese Arbeitsschritte zu perfektionieren und an die Nachkommen weiter zu geben. Unser Körper passte sich sogar teilweise daran an.

Unvorstellbar daher auch, wie fit unsere Vorfahren gewesen sein müssen, um so überleben zu können. Und wie fit wir heute sein müssen, um zu überleben.

Mechanotransduktion ist ein zellulärer Prozess – ein Prozess, der die Form der Zelle (ihre Bewegung von einer Form in eine andere) in biochemische Prozesse verwandelt. Das bedeutet, dass Bewegung auf zellulärer Ebene genauso wie Nahrung funktioniert: Bewegung wird in die Zelle investiert, und über diesen Input verändert die Zelle ihr Verhalten. Jede Bewegung, die wir ausführen, biegt und verformt die Zellen unseres Körpers auf eine eigene Art und Weise, und wie Nahrung verschiedene Inputs an die Zellen weitergibt, tun das Bewegungen auch.

Wenn Du zu einem Ernährungsberater gehst und ihn fragst, wie Du gesund essen sollst, und er sagt „Iss mehr!“, dann reicht das nicht aus, oder?

Genauso bringt der Slogan „Mach mehr Sport!“ genauso wenig, verstehst Du? Ja, wir brauchen ganz klar mehr Sport und Bewegung, aber genauso wie „Mehr Essen“ uns gesünder macht, tut das „Mehr Sport“ auch nicht. Es verwirrt uns eher. Tatsächlich sind schmerzhafte Bewegungen meist ein Hinderungsgrund, warum wir uns nicht mehr bewegen. Also wie soll „Mach mehr Sport!“ nun Sinn ergeben?

Wir benutzen zwar (noch) nicht Vokabeln wie Bewegungs-Nährstoffe, aber wir benutzen Sport wie eine Art Ergänzungsmittel – punktuell belasten wir (Muskel-)Zellen mit Bewegungen, die von ihren natürlichen Vorbildern abgeleitet wurden; also, wie Bewegungen in der Natur vorkommen: Kreuzheben imitiert z.B., einen schweren Gegenstand wie ein erlegtes Tier oder einen verletzten Kameraden vom Boden aufzuheben.

Manchmal tun wir diese Bewegungen aus ästhetischen Gründen, manchmal tun wir sie aus therapeutischen Gründen, manchmal aber auch aus Versehen, wenn wir eine bestimmte, alltägliche Bewegung wieder und wieder wiederholen.

Das Fazit hier soll sein, dass unser Bewegungsmangel nicht nur an zu wenig Bewegung liegt, sondern auch an den falschen Bewegungen, also Bewegungen, die nicht ihre natürlichen Vorbilder imitieren, sondern uns nur langsam aber sicher in den Rollstuhl befördern. Unsere Bewegungs-Probleme rühren sehr oft daher, dass wir uns zwar bewegen, aber zu wenig, und dann auch noch falsch. Doppeltes Desaster!

Manchmal verlieren wir uns in den Nährstoffen, die unser Körper braucht, und vergessen, dass die eigentliche Quelle für alle Nährstoffe Nahrung ist. Wenn wir das Glück haben, Ernährungswissenschaften studiert zu haben und die Ergänzungsmittel punktuell nehmen können, die wir benötigen, können wir trotzdem nicht mit Ergänzungsmitteln allein überleben. Wir müssen sie mit Kalorien kombinieren. Und am Ende ist eine Ernährung mit einer Vielfalt an Nährstoffen immer die gesündeste.

Genauso ist Sport allein nicht ausreichend, um unsere Bewegungs-Bedürfnisse zu erfüllen; Wir sehen Anzeichen von Bewegungsmangel, sogar wenn wir trainieren.

Da wir mittlerweile eine sitzende Gesellschaft sind, sollten unsere Gespräche über Bewegung weit über Sport hinausgehen; es scheint fast so, als sei Bewegung immer nur mit Sport assoziiert, und es scheint auch, als hätten zu viele Menschen in unserer Gesellschaft noch nie wirklich Sport getrieben. Das liegt daran, dass es heute nicht mehr notwendig ist, sich zu bewegen, um zu überleben. Also, sich richtig zu bewegen.

Wir erachten ein paar wenige, punktuelle Ergänzungs-Übungen wichtiger für unsere Gesundheit als eine vielseitige und breit gestreute Bewegungs-Routine über den Tag verteilt, über unser Leben verteilt. Das hat es uns schwergemacht, wirkliche Bewegungs-Routinen und -Gewohnheiten erst zu entwickeln. Wenn wir damit weitermachen, punktuelle Sporteinheiten als das einzig Wahre anzusehen, und nicht Bewegung über den ganzen Tag verteilt, werden wir ein Leben lang an Bewegungs-Mangel leiden. Es dauerte 500 Jahre, um Vitamin C zu entdecken und zu erforschen, vielleicht bekommen wir das mit Sport etwas schneller hin.

In den nächsten Jahren wird Mechanotransduktion immer mehr Verbreitung und Diskussionsanhang finden, und genauso wenig, wie es Empfehlungen dafür gibt, dasselbe Essen wieder und wieder zu essen, wird es Empfehlungen dafür geben, verschiedene Sportarten, verschiedene Übungen durchzuführen.

Ich weiß, wir müssen auf dem Boden bleiben und die Dinge einfach und verständlich halten: Wie wäre es damit?

 

Wir sagen nicht mehr: „Mach mehr Sport!“, sondern: „Mach mehr Sport, aber auch vielseitig, abwechslungsreich und mit Spaß!“

 

Besser? Besser!

 

Mit dieser Grundlage ist die PaleoConvention 2017 in Berlin (2.-3. September) der nächste logische Schritt. Bewegung wird hier großgeschrieben, sehr groß! Die Vielseitigkeit und der Spaß stehen dabei immer an erster Stelle, und wir werden Dir zeigen, dass Sport und Bewegung spielerisch, einfach und nachhaltig in Dein Leben integriert werden können und es nachhaltig verändern können.

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