Fast alles, was sie Dir über pränatale Ernährung erzählt haben, ist falsch. Das ist ein krasses Statement, aber ich stehe dazu.

Es geht mir in meiner beratenden Funktion immer um echtes, unverarbeitetes Essen, aber was ich als Teil meiner Ausbildung über Ernährung in der Schwangerschaft lernen durfte/musste, hat sich größtenteils als falsch herausgestellt und muss noch weiter untersucht werden.

Keine Mutter möchte sich und ihr zukünftiges Kind unnötig in Gefahr bringen, aber wenn sie von gut-meinenden Ärzten und Ernährungsberatern, denen sie vertrauen, falsche Informationen erhalten, passiert genau das. Sie bringen sich unnötig in Gefahr.

In diesem Artikel werde ich 5 Mythen über Ernährung in der Schwangerschaft ansprechen, widerlegen und bessere Vorschläge bringen. Diese Tipps sollte jede Paleo Mama unbedingt wissen.

Warum (Fast) Alles Bekannte Über Ernährung In Der Schwangerschaft Falsch Ist: 5 Mythen

  1. Du solltest kein Fisch essen

Da in bestimmten Fischsorten reichlich Quecksilber und andere giftige Verunreinigungen enthalten sind, bekommen viele Frauen gesagt, sie sollen in der Schwangerschaft kein Fisch essen.

Die Wahrheit ist, dass viele Fischsorten sicher sind, auch in der Schwangerschaft, und sich Schwermetalle nur in bestimmten Fischsorten ansammelt. Und manche Fischsorten, die ein wenig Schwermetalle enthalten, sind auch sicher, obwohl sie sie enthalten. Das liegt an einem wenig bekannten Fakt: Viele Fische enthalten nämlich auch reichlich Selen, ein Mineral, das Quecksilber bindet und es so für den Körper nicht mehr verfügbar und somit ungefährlich macht1.

Einmal abgesehen davon, dass einige Fische Quecksilber in giftigen Mengen enthält, und von denen ich Dir stark abrate (Thunfisch, Schwertfisch, Königsmakrele, Haifisch), halten die meisten, v.a. kleinere, Fische viele gesundheitliche Vorteile bereit.

Fisch ist eine ausgezeichnete Quelle für Protein, Iod (das essentiell für normale Gehirn-Entwicklung ist), Zink, und

Vitamin D. Fetter Kaltwasserfisch ist die beste Quelle für DHA, eine Omega-3-Fettsäure, die für die Gehirn- und Augenentwicklung wichtig ist.

Einige der besten Fischsorten überhaupt sind Lachs aus Wildfang, Hering, und Sardinen, da sie einen hohen DHA-Gehalt und wenig Quecksilber aufweisen.

Eines noch: Meide Fisch aus Aquakultur, da diese meist mit BPA und Antibiotika belastet sind. BPA ist eine Chemikalie, die Deinen Östrogenhaushalt durcheinanderbringen kann.

 

  1. Du bekommst all Deine Omega-3-Fettsäuren aus Pflanzen

Wie ich schon sagte, ist DHA essentiell für die Gehirn-Entwicklung. Aber über die richtige Quelle herrscht Verwirrung.

Ich erinnere mich daran, dass eine Empfehlung von einer der führenden Gesundheitsorganisationen einmal geschrieben haben, dass Schwangere ihr DHA über Leinsamen und Walnüsse bekommen können. Das ist zu 100% falsch. Denn während pflanzliche Omega-3-Fettsäuren zwar nicht schlecht per se sind, sind sie auch nicht für die Entwicklung Deines Kindes gedacht.

Das liegt daran, dass pflanzliche Omega-3-Fette (mit Ausnahmen von einigen Algen) in der Form der Alpha-Linolensäure (ALA) daherkommen, nicht als DHA. Viele argumentieren dann, dass Dein Körper DHA aus ALA herstellen kann; Das kann er wirklich, allerdings in minimalen Mengen und mit einer Konversionsrate von 3,8%. Plus, wenn Deine Ernährung reich an Omeag-6-Fettsäuren ist (welche in Nüssen, Samen und pflanzlichen Speiseölen enthalten sind), reduziert sich diese Konversionsrate zu 1,9%2.

Eine Ernährung reich an gesättigten Fetten verbessert diese Rate, aber die Wahrheit ist: Du kriegst Deinen DHA-Bedarf durch pflanzliche Quellen einfach nicht gedeckt. Und den Deines Kindes schon gar nicht. Du musst DHA direkt essen, und zwar aus tierischen Quellen: Fisch und Landtiere aus artgerechter Haltung.

 

  1. Leber in der Schwangerschaft zu essen ist gefährlich

Vielleicht bist Du schon lange genug in der Paleo-Gemeinschaft um zu wissen, dass oftmals von öffentlicher Seite vor dem Verzehr von Leber gewarnt wird, besonders in der Schwangerschaft.

Warum? Weil Leber sehr viel Vitamin A enthält.

Studien über synthetisches Vitamin A (aus Nahrungsergänzungsmitteln) zeigen, dass zu viel davon zu

Geburtsdefekten führen. Also, mit simpler Logik, sollte Leber gemieden werden. Ironischerweise haben vor wenigen Jahrzehnten noch die Ärzte dazu geraten, Leber in der Schwangerschaft zu verzehren. Woran liegt das?

Es stellt sich heraus, dass Vitamin A aus Nahrungsmitteln nicht denselben toxischen Effekt hat wie Vitamin A-Ergänzungsmittel, besonders, wenn gleichzeitig adäquate Mengen Vitamin D und K verzehrt werden. Praktisch, dass beide auch in Leber enthalten sind 3.

Nimm mich aber nicht wörtlich:

„Leber und Ergänzungsmittel sind nicht teratogen [lösen Entwicklungsstörungen aus]. Der Rat an Schwangere bezüglich Leber basierend auf der teratogenen Wirkung von Vitamin A-Ergänzungsmitteln sollte noch einmal überprüft werden.4

Dazu kommt, dass ein Drittel aller Schwangeren nicht genug Vitamin A bekommen. Daher sollte es von Vorteil sein,

Leber zu konsumieren5. Leber ist zudem reich an Cholin, ein wichtiger Stoff für die Zellmembran, für das Nervensystem und die Augen. Zusätzlich enthält Leber viel Folat, alle B-Vitamine, Eisen, Zink, und vieles mehr. Es ist quasi ein Multivitamin von Mutter Natur!

 

  1. Iss nicht zuviel Fett

In der Ernährungswissenschaft, die sich mit Schwangeren beschäftigt, nehmen wir oftmals einen Schritt nach hinten, um den Blick für das große Ganze zu erlangen. Wir sehen uns an, welche traditionellen Bräuche und Nahrungsmittel Schwangeren und ihren Kindern von Nutzen sind und überlegen dann, warum diese Dinge so wichtig sind. Durch diesen Ansatz stellen wir immer wieder fest, dass fettreiche Nahrungsmittel (besonders aus tierischer Quelle) eine zentrale Rolle spielen – also Eier, Organfleisch, Schmalz, und fetter Fisch.

Diese Lebensmittel halten viel Vitamin A, D, E und K sowie Omega-3-Fettsäuren (DHA) bereit, alles notwendig während der Schwangerschaft. Fett zu limitieren heißt auch, einen Mangel an diesen Nährstoffen zu bekommen.

Fett kommt meist mit anderen essentiellen Nährstoffen daher, wie z.B. Protein. Der klassische Tipp, mageres Fleisch zu essen, limitiert am Ende sogar die Aminosäure Glycin in der Ernährung, und dass, obwohl Glycin in der Schwangerschaft absolut essentiell ist.

Glycin ist für eine normale Entwicklung des Herz-Kreislauf-Systems und des Bindegewebes des Babys wichtig6. Die primäre Quelle für Glycin ist Haut, Knochen und Bindegewebe von Fleisch, Geflügel und Fisch. Also, genieße die knusprige Haut auf Deinem Hühnchen, und gönn Dir etwas von dem Pulled Pork. Und lass den Fettrand am Steak dran!

Der ganze Hintergrund von Low-Fat Empfehlungen ist nicht, absolut gar nicht, basierend auf wissenschaftlichen Erkenntnissen.

 

  1. Schwangere brauchen mehr Kohlenhydrate!

Seit ich mich auf Schwangerschafts-Diabetes spezialisiert habe, werde ich sehr oft nach Kohlenhydraten gefragt. Herkömmlicher Rat sieht vor, dass Schwangere mehr Kohlenhydrate essen sollen, und warnen davor, dass „nicht adäquate“ Mengen Kohlenhydrate die Gehirn-Entwicklung des Babys beeinträchtigen würde.

Als ich diese Empfehlung früher in die Praxis umsetzte, bemerkte ich bei meinen Klienten (von denen viele Schwangerschafts-Diabetes hatten), dass ihre Blutzucker-Werte sich dramatisch verschlechterten und sie Gewicht zulegten. Ich fragte mich, ob diese Klienten versagten, die Diät anständig durchzuführen, oder ob die Diät nicht die Versagerin war.

Als ich dann richtig in die Literatur schaute, war ich schockiert über das, was ich da fand. Nicht nur fand ich keine Beweise, dass Schwangere mehr Kohlenhydrate essen sollten und dass das Gehirn des Babys sie bräuchte. Viele Ergebnisse zeigten vielmehr, dass Schwangere eher von weniger Kohlenhydraten während der Schwangerschaft profitieren würden (besonders diejenigen mit Blutzuckerproblemen).

Der Hauptgrund dafür, warum Ärzte Angst davor hatten, ihren Patienten weniger Kohlenhydrate zu empfehlen ist, dass sie völlig veraltete Informationen hinsichtlich Ketose hatten. In anderen Worten ist Ketose ein Stoffwechsel-Zustand, in dem nur Fett als Treibstoff verwendet wird, keine Kohlenhydrate.

Ketose kann in der Schwangerschaft auftreten, und das in vielfältiger Weise. Dieses Thema ist tatsächlich omplex, sehr komplex. Im Buch Real Food for Gestational Diabetes wird es ausführlich behandelt, ebenso in diesem englischen Vortrag: The Carbohydrate and Pregnancy Controversy, at Paleo f(x)™ 2016.

Oder Du frägst einfach mal die Experten von Primal State auf der PaleoCon :-)

Die Kurzfassung ist, dass eine geringfügige Ketose während der Schwangerschaft ein häufiges Phänomen ist, und nicht dieselben Risiken mit sich bringt wie eine Fasten-Ketose, wo Du ein paar Tage gar nichts isst.

 

Fazit

Diese Beispiele haben Dir hoffentlich gezeigt, warum Schwangeren meist viel Falsches empfohlen wird. Diese Liste ist, bei Weitem, nicht vollständig.

Das Fazit ist heute, dass Du auf echtes, unverarbeitetes Essen vertrauen solltest während Deiner Schwangerschaft. Jeder „Experte“, der Dich von Cornflakes überzeugen möchte und Dir von nährstoffreichen Nahrungsmitteln direkt von Mutter Natur abrät, sollte noch einmal von vorne beginnen mit seinem Studium.

Wenn Du Dich gut dabei fühlst, Fleisch von Weidetieren (inklusive Organfleisch) zu essen, Eier, Fisch aus Wildfang, einer Vielfalt an Gemüse, Nüssen, Samen, einigen Früchten, und vielleicht auch einigen Milchprodukten von Kühen aus Weidehaltung, dann kannst Du Dir sicher sein, dass Du Deinem Baby die optimale Grundlage lieferst!

 

 

Einzelnachweise

  1. Ralston, Nicholas VC, and Laura J Raymond. “Dietary selenium’s protective effects against methylmercury toxicity.” Toxicology1 (2010): 112-123.
  2. Gerster, H. “Can adults adequately convert alpha-linolenic acid (18: 3n-3) to eicosapentaenoic acid (20: 5n-3) and docosahexaenoic acid (22: 6n-3)?.” International journal for vitamin and nutrition research. Internationale Zeitschrift fur Vitamin-und Ernahrungsforschung. Journal international de vitaminologie et de nutrition3 (1997): 159-173.
  3. Masterjohn, Christopher. “Vitamin D toxicity redefined: vitamin K and the molecular mechanism.” Medical hypotheses5 (2007): 1026-1034.
  4. Buss, NE et al. “The teratogenic metabolites of vitamin A in women following supplements and liver.” Human & experimental toxicology1 (1994): 33-43.
  5. Strobel, Manuela, Jana Tinz, and Hans-Konrad Biesalski. “The importance of β-carotene as a source of vitamin A with special regard to pregnant and breastfeeding women.” European journal of nutrition9 (2007): 1-20.
  6. Persaud, Chandarika et al. “The excretion of 5‐oxoproline in urine, as an index of glycine status, during normal pregnancy.” BJOG: An International Journal of Obstetrics & Gynaecology4 (1989): 440-444.

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